Kategorien
Allgemein

Biografie Edzard Reuter

Biografie Edzard Reuters – von Bernhard Dietz

Edzard Reuter in Stuttgart, 16. Januar 1992.

      Bildnachweis »© Jaydie Putterman, https://www.jaydieputterman-photography.com/.

Edzard Reuter – Ein Jahrhundertleben

Edzard Reuter war eine Jahrhundertgestalt. Geboren in den „Goldenen Zwanzigern“ in Berlin und mit seiner Familie von den Nationalsozialisten 1935 ins Exil getrieben, erlebte er nach dem Zweiten Weltkrieg und der Rückkehr nach Deutschland hautnah die Berlin-Blockade und den beginnenden Kalten Krieg, stürzte sich in seine ersten beruflichen Aufgaben bei der Universum Film AG (UfA) und bei Bertelsmann, um dann in den 1960er und 1970er Jahren bei Daimler-Benz geradezu kometenhaft aufzusteigen. Am Gipfel angekommen, leitete er als Vorstandsvorsitzender in den 1980er und 1990er Jahren das größte deutsche Industrieunternehmen und prägte es maßgeblich. In diese Zeit fielen nicht nur die Wiedervereinigung, sondern fundamentale Wandlungsprozesse in der deutschen Wirtschaft: die Anfänge der Globalisierung und die beginnende Auflösung jenes Netzwerks zwischen Industrieunternehmen und Großbanken, das als „Deutschland AG“ für die ökonomische Kultur jahrzehntelang prägend war. Edzard Reuter war somit eine zentrale Übergangsfigur zwischen altem „rheinischem Kapitalismus“ einerseits und Globalisierung und neuer Kapitalmarktorientierung andererseits.

Dabei war Reuter kein gewöhnlicher Manager, sondern aufgrund seiner Herkunft, Begabungen und Interessen ein vielschichtiger, zum Teil auch widersprüchlicher Wirtschaftsführer. Denn er war eben auch treuer Sozialdemokrat, kritischer Intellektueller, charismatischer Kulturmäzen und gefeierter Medienstar. In den letzten Jahrzehnten seines langen Lebens avancierte er zu einem streitbaren Kritiker des Neoliberalismus, setzte sich für die Begrenzung von Managergehältern ein und mahnte die Wirtschaftseliten zu mehr Verantwortung für das Gemeinwohl und die soziale Marktwirtschaft.

Ernst Reuter und seine drei Kinder, 1931.

      Bildnachweis »© Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (04), Nr. 0129607.

Hanna, Edzard und Ernst Reuter in der Türkei, um 1936.

      Bildnachweis »© SERA, Album 1, Bild 239.

Edzard Reuter und Ernst Reuter

Die Biografie Edzard Reuters ist ganz maßgeblich durch seinen berühmten Vater Ernst Reuter geprägt. Auch als er bereits ein öffentlich bekannter Wirtschaftsführer war, kam kein Porträt ohne den Zusatz „der Sohn von“ aus. Edzard Reuter hat dagegen nie rebelliert, sondern sich lebenslang für das Andenken an seinen Vater und für die Pflege dessen politischen Erbes engagiert. Bereits seine Kindheit war durch die Karriere und das politische Schicksal seines Vaters entscheidend beeinflusst.

Geboren wurde er am 16. Februar 1928 als Sohn von Ernst und Hanna Reuter in Berlin. Seinen etwas ungewöhnlichen friesischen Vornamen gaben ihm seine Eltern im Andenken an den jüngsten Bruder von Ernst, der 1919 an im Ersten Weltkrieg erlittenen Verletzungen gestorben war. Edzard hatte ein sozialdemokratisches und bürgerliches Zuhause. Der Vater entstammte dem protestantischen Bildungsbürgertum, die Mutter, Hanna Reuter, dem katholischen Kleinbürgertum. Kennengelernt hatten sich die Eltern im städtischen Milieu der sozialdemokratischen Intelligenzia, als beide in Berlin für die SPD-Parteizeitung Vorwärts arbeiteten. Edzard hatte gutherzige Eltern, die ihr jüngstes – im Falle Hannas ihr einziges – Kind liebten und umsorgten. Von einer behüteten Kindheit kann man dennoch nicht sprechen. Dafür war die erste Zeit zu zerrissen. Drei Jahre nach Edzards Geburt zog die Familie nach Magdeburg, wo Ernst Reuter Oberbürgermeister geworden war. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war für die Reuters eine Katastrophe. Ernst Reuter wurde als Oberbürgermeister abgesetzt und zweimal in das Konzentrationslager (KZ) Lichtenburg gebracht, wo er schweren Misshandlungen ausgesetzt war. Für den jungen Edzard waren die Verhaftungen ein großes Trauma, sein kindliches Bedürfnis nach Sicherheit und Heimat wurde grundlegend erschüttert. Als die Gestapo den Vater im Juni 1934 das zweite Mal abgeholt hatte, weinte der junge Edzard, stampfte auf den Boden vor Verzweiflung und schrie: „Die verfluchten Nazis.“

Nach seiner Freilassung aus dem KZ gelang Ernst Reuter 1935 die Flucht und er emigrierte mit seiner Familie nach Ankara, der von Staatsgründer Kemal Atatürk als politisches Zentrum der neuen Türkei ausgewählten Stadt in Zentralanatolien. Ernst Reuter war zunächst als kommunaler Verwaltungsexperte in türkischen Ministerien tätig, später unterrichtete er Stadtplanung an der Verwaltungshochschule von Ankara. Dank der regelmäßigen Arbeitszeiten konnte er sich viel intensiver um den Sohn kümmern als noch in Deutschland. „Mir ist er ein lieber Kamerad und wir vertragen uns so gut“, schrieb Ernst 1936 an seine Mutter. Da er relativ gut verdiente, konnten die Reuters sich einen gehobenen Lebensstil leisten. Edzard bekam Privatunterricht, was aber auch deswegen nötig war, weil er als Exilant an der Schule der Deutschen Botschaft nicht akzeptiert worden wäre. Wie es nur Kinder in diesem Alter können, freundete sich Edzard in kürzester Zeit mit den Nachbarskindern an. Die sprachliche Barriere, religiöse oder kulturelle Unterschiede spielten keine Rolle. Edzard lernte rasend schnell die Landessprache. „Er spricht besser türkisch als sein Vati und wenn man ihn draußen spielen hört, weiß man nicht ob er besser und schneller deutsch oder türkisch reden kann“, schrieb Hanna an eine Schulfreundin. Fast zwölf Jahre blieben die Reuters im türkischen Exil. Für Edzard war dies eine rundum glückliche Zeit. Er genoss die Aufmerksamkeit seines Vaters und das Leben in Ankara war für ihn ein großes Abenteuer mit ungewohnten Freiheiten für ein Kind in diesem Alter. Das rigide Erziehungssystem des Nationalsozialismus, die ideologische Indoktrination samt soldatischen Männlichkeitsideal blieben ihm erspart. Stattdessen formten die Erfahrungen des Exils seine kulturelle Offenheit, religiöse Toleranz und Neugier auf Fremdes, die ihn von vielen seiner Altersgenossen in der alten Heimat unterschied.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte die Familie Ende 1946 nach Deutschland zurück. Im Juni 1947 wurde der Vater von der Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister Berlins gewählt, konnte das Amt aber zunächst aufgrund des sowjetischen Einspruchs nicht antreten. Im selben Jahr nahm Edzard zunächst ein Studium der Mathematik und Theoretischen Physik an der Humboldt-Universität zu Berlin auf. Dann wechselte er das Fach und studierte von 1949 bis 1952 Jura an der Freien Universität Berlin. 1955 legte er die Große Juristische Staatsprüfung ab. Zwei Jahre zuvor, im September 1953 war Ernst Reuter an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Für Edzard blieb der Vater, der seit Ende 1948 als Oberbürgermeister den Widerstandswillen West-Berlins verkörpert hatte, ein lebenslanges Vorbild – politisch, moralisch, vor allem aber aufgrund seines Pflichtbewusstseins und unbedingten Freiheitsideals. Dies war sicher eine hohe moralische Richtschnur, die der Vater noch dazu während seiner KZ-Inhaftierungen würdevoll und geradezu heroisch vorgelebt hatte.

Edzard Reuter zusammen mit Tim und Dieter Kröger beim Berliner Sportverein Zehlendorfer Wespen 1911 e.V., um 1954.

      Bildnachweis »© SERA, Nachlass Edzard Reuter (Wir haben uns um detaillierte Rechtenachweise bemüht. Trotz intensiver Recherchen konnte die Urheberschaft in diesem Fall nicht zweifelsfrei ermittelt werden. Wir bitten gegebenenfalls um Mitteilung an sera@landesarchiv.berlin.de).

Edzard Reuter während der Bilanz-Pressekonferenz der Daimler-Benz AG, 9. Mai 1989.

      Bildnachweis »© ullstein bild, Nr. 07939990.

Edzard Reuter und Daimler-Benz

Nach ersten beruflichen Stationen bei der UfA und der Bertelsmann AG begann Edzard Reuter im März 1964 seine Karriere bei dem Stuttgarter Automobilkonzern Daimler-Benz. Ausgerechnet der ehemalige NS-Aktivist und SS-Untersturmführer Hanns Martin Schleyer sorgte als damaliger Personalchef des Unternehmens für seine Anstellung. Einen ersten Kontakt zum Unternehmen samt Vorstellungsgespräch hatte es bereits 1956 gegeben. Aufgrund des linken Vaters und seiner eigenen SPD-Parteimitgliedschaft stieß seine Einstellung aber auf massive Vorbehalte und Reuter wurde abgewiesen. Im zweiten Anlauf klappte es und er wurde mit einem ersten Monatsgehalt von 3250 Mark zu einem Assistenten von Joachim Zahn, dem späteren Vorstandsvorsitzenden. Dass Reuter sich trotz der nun gesicherten beruflichen Zukunft in einem Unternehmen, dessen Produkte er bewunderte, dessen Vergangenheit ihm aber Angst machte, nicht immer wohl fühlte, zeigt ein Brief an den österreichisch-jüdischen Schriftsteller Heinz Carwin von 1965: „Daneben hier in Stuttgart im Geschäft der Chef ein alter Nazi, nicht von der Rabaukengilde, sondern mit jener bekannten Pseudointelligenz und Beweglichkeit gesegnet, die zur Aufnahme in den intimen Club der deutschen Manager befähigt. Es ist oft nicht zum Aushalten!“

Doch Reuter hielt es aus und machte rasch Karriere im Unternehmen. 1966 stieg er zum Hauptabteilungsleiter auf, 1971 wurde ihm die Leitung des Direktionsbereichs Unternehmensplanung und Organisation übertragen. 1973 folgte die Berufung zum stellvertretenden, 1976 zum ordentlichen Vorstandsmitglied. 1980 übernahm er das Vorstandsressort Finanz- und Betriebswirtschaft und galt spätestens jetzt als Kandidat für die Leitungsspitze des Unternehmens. Es ist ein Mythos, dass Edzard Reuter diesen Aufstieg trotz seines SPD-Parteibuchs geschafft habe. Vielmehr war der Unternehmensleitung in den 1970er Jahren durchaus bewusst, dass im Zuge der Stärkung der Betriebsräte und der Ausweitung der Mitbestimmungsrechte eine arbeitnehmerfreundliche Personalie im Vorstand auch von großem Vorteil sein konnte. Nur für den Sprung nach ganz oben war die Parteimitgliedschaft zunächst ein Hindernis. Als am 29. Oktober 1983 der damalige Vorstandsvorsitzende Gerhard Prinz starb, schien die Zeit für Reuter gekommen. Aber gegen Reuter gab es politische Vorbehalte – sowohl im Unternehmen, als auch vor allem im von der Deutschen Bank dominierten Aufsichtsrat. Der Spiegel kommentierte: „Der Sohn des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter, ist wie sein Vater Sozialdemokrat. Eher aber wird der Grüne Joschka Fischer Kanzler der Bundesrepublik, als daß der herrschende Industrie-Klüngel einen Sozi auf den vielleicht vornehmsten Chef-Stuhl der Wirtschaft läßt.“

Auch der Spiegel kann sich irren: 1987 wurde Edzard Reuter zunächst zum stellvertretenden, dann zum alleinigen Vorsitzenden des Vorstandes von Daimler-Benz berufen. Maßgelblich beteiligt war daran der neue Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, der nun auch den Aufsichtsrat von Daimler-Benz leitete. Herrhausen wurde nach Hanns Martin Schleyer zum wichtigsten Förderer von Edzard Reuters Karriere (und wie Schleyer wurde Herrhausen von der Roten Armee Fraktion (RAF) ermordet). Mit Herrhausens Unterstützung forcierte Reuter seine schon zuvor begonnene Vision für Daimler-Benz als „integriertem Technologiekonzern“ mit Weltgeltung. Angesichts von Marktsättigungstendenzen im Automobilbereich, neuer japanischer und koreanischer Konkurrenz in der Oberklasse und rigideren Umweltstandards wollte Reuter den Konzern nicht auf ein einzelnes Kerngeschäft konzentrieren, sondern durch Übernahmen breiter aufstellen.

Das Ziel war es, den Konzern unabhängiger vom Auto und durch den erleichterten Zugang zu Schlüsseltechnologien wie Elektronik und Luftfahrt zukunftssicherer zu gestalten. Durch technische Synergien sollte gleichzeitig der Weg für das Automobil der Zukunft geebnet werden. „Es gibt keinen Weg zurück zu den Zeiten des verhältnismäßig kleinen schwäbischen Unternehmens mit seinen Produkten, die jeder begehrte“, erklärte Reuter seinen Führungskräften in einer Rede Anfang 1988. Zu diesem Zeitpunkt hatte Daimler bereits das Elektrounternehmen AEG und den Luft- und Raumfahrtkonzern Dornier übernommen. Hinzu kamen 50%-Anteile von MAN und dem Triebwerkshersteller MTU, 1989 wurde der Rüstungskonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm übernommen.

Durch den Umbau wurde Daimler zu einem riesigen Mischkonzern, der allerdings zunächst nur rote Zahlen schrieb. Zusätzlich sah sich das Unternehmen einer kritischer gewordenen Öffentlichkeit ausgesetzt. Dass die unglückliche Aufarbeitung der eigenen Verstrickung in das nationalsozialistische Zwangsarbeitersystem zeitlich mit der Eröffnung des neuen Geschäftsfelds der Rüstungsindustrie zusammenfiel, machte es nicht leichter. Vor allem aber brachte der Kulturbruch weg vom Auto Reuter viele Feinde im Unternehmen. Sein Abgang von der Konzernspitze 1995 verlief turbulent. Nach der Übergabe des Vorstandsvorsitzes an seinen Nachfolger Jürgen Schrempp wechselte er zunächst in den Aufsichtsrat des Unternehmens, trat jedoch nur wenige Monate später wieder zurück. Seine Strategie des „integrierten Technologiekonzerns“ galt als gescheitert und wurde rückabgewickelt. In den Medien wurde Reuter als „Höhenflieger“ und „Schöngeist“ porträtiert, der den „Kontakt zur Basis“ verloren habe.

Seine 1998 erschienene Autobiografie ist in großen Teilen eine Rechtfertigung der eigenen Vision und gleichzeitig eine bittere Abrechnung mit seinem ehemaligen Arbeitgeber: „Bis heute frage ich mich, ob ein Unternehmen wie Daimler-Benz tatsächlich – nach innen wie nach außen – reif für den Weg war, zu dem wir uns entschlossen hatten.“ Womöglich war Reuter tatsächlich seiner Zeit voraus. Aus heutiger Perspektive erscheint seine Abkehr von der identitären Fixierung auf das Verbrennerauto jedenfalls aktueller denn je. Und dass der dramatische Nachfragerückgang nach Rüstungsgütern Anfang der 1990er Jahre einer historischen Sondersituation geschuldet war, ist uns inzwischen ebenfalls schmerzhaft bewusst.

Großbaustelle Potsdamer Platz, 4. Juni 1997.

      Bildnachweis »© Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (01), Nr. 0391103 (Foto: Edmund Kasperski).

Verleihung der „Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin“ an Edzard Reuter (rechts). Links daneben Marianne Brinckmeier und Eberhard Diepgen, 20. Mai 1998.

      Bildnachweis »© Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (06), Nr. 0396704 (Foto: Barbara Esch-Marowski).

Helga und Edzard Reuter in Berlin, 29. September 2013.

      Bildnachweis »© Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-11-02, Nr. D_005060 F Rep. 290-11-02 (Foto: Thomas Platow).

Edzard Reuter und Berlin

Edzard Reuter lebte 60 Jahre in Stuttgart, seine eigentliche Heimatstadt blieb jedoch immer Berlin. Hier setzte er sich vielseitig als Mäzen, Stifter und nimmermüder Kämpfer für das Andenken an Ernst Reuter ein. Den größten Einfluss auf die Gestaltung seiner Geburtsstadt übte er jedoch in den frühen 1990er Jahren aus, als er das neue Zentrum der wiedervereinigten Stadt entscheidend prägte und zum „Architekten“ des Potsdamer Platzes avancierte.

Dieses Engagement begann schon vor dem Fall der Mauer. Anfang 1986, ein Jahr bevor er zum Vorstandsvorsitzenden von Daimler-Benz gewählt wurde, hielt Edzard Reuter die Eröffnungsrede zur Jubiläumsausstellung „Welt mobil“. Die Schau in Berlin sollte den 100. Geburtstag des Automobils feiern. Aber nicht nur: „Eines soll sie jedenfalls auch demonstrieren: die Verbundenheit des Hauses Daimler-Benz mit dieser Stadt, und unsere Sensibilität, daß man nur ein guter Deutscher, ein Patriot im vernünftigen Sinne sein kann, wenn man sich immer wieder eine Frage stellt: Was kann ich tun, um für Berlin zu einer sicheren und ausreichenden wirtschaftlichen Grundlage beizutragen?“ Das Zitat ist geprägt vom Freiheits- und Durchhaltepathos der Berlin-Blockade und somit auch vom Vermächtnis des Vaters, der in dieser Zeit zur „wichtigsten Stimme der Berlinerinnen und Berliner für Freiheit und Demokratie“ wurde. Diese „Luftbrückenmentalität“ war die ideelle Voraussetzung für eine Großinvestition von Daimler-Benz in Berlin zum Ende der 1980er Jahre. Wichtiger waren aber strukturelle Änderungen in der Stuttgarter Unternehmensorganisation. Daimler war kein reiner Autohersteller mehr, sondern dank Edzard Reuters Strategie des „integrierten Technologiekonzerns“ ein Mischkonzern. Dazu gehörte auch die „debis“ („Daimler-Benz InterServices“), die ein breites Spektrum an Dienstleistungen anbot. Und für diese neue Konzern-Tochter suchte das Stuttgarter Unternehmen 1989 einen Standort.

Nach den ersten Kontakten zwischen Daimler und dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper im Spätsommer 1989 bot der Berliner Senat drei Gebiete für eine Investition an: das Klingelhöfer Dreieck, das Lenné-Dreieck und schließlich das Areal Potsdamer Platz. Die Maueröffnung gab den Verhandlungen eine neue Richtung. Vor allem Vorstandschef Reuter plädierte jetzt entschieden für den Potsdamer Platz, obwohl das zum Kauf angebotene Gelände deutlich zu groß für die ursprünglichen Absichten war. Am 13. Februar 1990 wurde der Erwerb des Areals Potsdamer Platz vom Vorstand der Daimler-Benz AG im Grundsatz beschlossen. Walter Momper nannte dies eine „Jahrhundertentscheidung“.

Aus industriepolitischen Hoffnungen für den Standort West-Berlin wurden so gesamtdeutsche Visionen für ein neues Zentrum, für ein neues Berlin, das in der Ödnis zwischen Ost und West wieder entstehen sollte. Als aber im Frühjahr 1990 die Kaufpläne Daimlers öffentlich bekannt wurden, begann eine kontroverse und intensive Debatte um den Potsdamer Platz, die sich – mit verschiedenen Konjunkturen und Themen – über die gesamten 1990er Jahre bis zur Einweihung des Sony-Centers im Sommer 2000 hinziehen sollte. Da der Potsdamer Platz wie kaum ein anderer Ort als Brennpunkt der deutschen Zeitgeschichte interpretierbar war, berührte die Diskussion immer wieder deutsche Identitätsfragen. Der leere Platz wurde zu einer gigantischen Projektionsfläche für den historischen Aufbruch des wiedervereinigen Berlins.

Für Edzard Reuter und Daimler-Benz war der Potsdamer Platz in den 1990er Jahren ein großer Erfolg. Reuter konnte nicht zuletzt dank seiner guten Verbindungen zur Berliner Politik und mit der Finanzkraft des Unternehmens im Rücken starken Einfluss auf städtebauliche und architektonische Fragen ausüben. Gleichzeitig konnte das Unternehmen beweisen, dass es eine Mega-Baustelle der logistischen und finanziellen Superlative betreiben konnte und zum erfolgreichen Immobilienentwickler geworden war. Nicht allen Berlinern gefiel das. Die Stadt zeigte sich dennoch dankbar: Im Jahr der Eröffnung des Potsdamer Platzes wurde Edzard Reuter aufgrund seiner Verdienste für die Stadt 1998 zum Ehrenbürger Berlins ernannt.

Und Berlin blieb das Zentrum seines gesellschaftlichen Engagements. Bereits 1995 hatte er hier zusammen mit seiner Frau die Helga und Edzard Reuter-Stiftung gegründet, die gesellschaftspolitischen Einsatz für Integration, interkulturellen Austausch und Völkerverständigung würdigt. Darüber hinaus förderte Reuter Architektur und Kunst (z.B. als Vorstandsvorsitzender des Vereins zur Förderung des Bauhaus-Archivs) und engagierte sich für eine zeitgemäße Erinnerungskultur (z.B. im Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas). Das Gedenken an den Vater führte schließlich zur Stiftung Ernst-Reuter-Archiv, die 2010 von Edzard Reuter in Berlin mitbegründet und entscheidend geprägt wurde.

Am 27. Oktober 2024 starb Edzard Reuter im Alter von 96 Jahren in Stuttgart. Die Ehrenbürgerschaft Berlins ermöglichte eine besondere Zusammenführung: gemeinsam mit seiner drei Wochen nach ihm gestorbenen Frau Helga wurde Reuter auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof beerdigt. Hier ruht er als Ehrenbürger der Stadt Berlin neben Willy Brandt und seinem Vater Ernst Reuter.

↑ Bildnachweis Headerbild© André Wunstorf/LAB.